Leitbetriebe – Quelle des Wohlstands oder Wurzel des Übels?

Leitbetriebe sind also die Quelle unseres Wohlstands, so suggeriert das zumindest der Titel einer Diskussionsveranstaltung. Der Segen, den uns große, finanzstarke Betriebe mit einer hohen Zahl an Arbeitskräften – kurz Leitbetriebe – bringen, sei hier kurz aufgezählt:

  • Forschung und Entwicklung – Leitbetriebe sind in der Regel Global Player und dürfen den Anschluss an den internationalen Mitbewerb nicht verlieren. Deshalb investieren sie massiv in Forschung und Entwicklung.
  • Arbeitsplätze – Sie beschäftigen auf Grund ihrer schieren Größe viele Menschen direkt. Und sie schaffen im Bereich der Zulieferbetriebe indirekt durch ihre Aufträge viele Arbeitsplätze.

Aber – und das ist ein großes Aber – sie machen unsere Wirtschaft zerbrechlich. Gewinnt ein internationaler Konkurrent das Forschungswettrennen oder kommt eine technische Revolution, die unsere Leitbetriebe verschlafen, stehen 10.000ende Menschen auf der Straße.

Das Management wird sich die Hände in Unschuld waschen und sich mit dem angehäufte Vermögen ein schönes Leben machen. Die Politik wird fassunglos vor den Trümmern ihrer Wirtschaftspolitik stehen. Der Arbeitsmarkt wird übergehen. Tausende kleine Zulieferbetriebe werden zusperren, die Arbeitslosigkeit wird weiter steigen.

Und warum kann es soweit kommen? Wie die Politik aus einem falschen Verständnis heraus den sogenannten Leitbetrieben jeden Wunsch von den Augen abliest und ihr Wachstum nach Kräften fördert.

Das Bildungssystem hat sich den Interessen und Anforderungen dieser Betriebe unterzuordnen. Kultur und Soziales? Brauchen wir nicht. Was zählt, ist (Auftrags-)Forschung und (zum Anforderungsprofil der Betriebe passende) Bildung.

Die Einzel- und Kleinunternehmer, die unser Wirtschaftssystem nicht nur unzerstörbar, sondern in Summe sogar antifragil machen, bleiben auf der Strecke. Die Kreativitäts- und Persönlichkeitsbildung ebenso.

Natürlich: Arbeit zu haben ist wichtig und große, führende Betriebe leisten einen wichtigen Beitrag dazu. Aber unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft können mehr.

Europa muss jetzt ein Eishockey-Torwart sein

Heute starben Menschen in Brüssel, am Flughafen und in der Innenstadt. Die sozialen Medien gehen über, zum Teil mit Beileidsbekundungen, zum Teil mit nationalistischen Botschaften, die der Flüchtlingspolitik der Bundesrepublik Deutschland die Schuld für die Attentate in Brüssel geben wollen.

Rationalität hat in dieser Debatte keinen Platz. Es regiert der Instinkt, der Reflex. Und dieser Reflex ist nachvollziehbar: Laufen, Schutz suchen, Sicherheitheitsmaßnahmen verstärken, Rache üben. Nur: Eine Lösung ist es nicht. Es verschafft uns kurzfristig das falsche Gefühl von Sicherheit. Es gibt uns die Chance, den Anschein von Kontrolle zurückzugewinnen.

Aber was, wenn wir das Gegenteil tun? Was, wenn wir reagieren wie ein Eishockey-Torwart? Nicht zusammenzucken und uns klein machen, sondern die Glieder selbstbewusst in alle Richtungen strecken. Was, wenn wir eben nicht das tun, womit die Terroristen gerechnet haben und wovon sie ausgehen müssen? Was, wenn wir die Türe weiter aufmachen und der Angst keinen Platz lassen? Was, wenn wir zeigen, dass uns schmerzt, was passiert ist, aber dass wir uns durch diese Schmerzen nicht unser Wesen nehmen lassen?

Leichter gesagt als getan, denn der erste Impuls ist ein anderer. Aber wenn wir Frieden wollen, dann sollten wir nicht von den Terroristen und Absolutisten lernen, sondern von Gandhi.

 

Kontrolle als Antwort auf Angst und Hass?

Kontrolle als Antwort auf Angst und Hass?

Wenn ich meine Facebook-Timeline lese, wird mir manchmal übel. Zum einen ob der Meldungen in den Medien, zum anderen ob der Kommentare meiner „Freunde“ zu diesen Berichten.

In der Verzweiflung wird der Ruf nach einer einfachen Lösung laut: Zensur. Melden wir die Beiträge bei Facebook und die sollen sie dann löschen oder die Benutzer sperren. Und was passiert dann? Naja, jene, die tatsächlich glauben, in Facebook stünde die Wahrheit und nichts als die reine Wahrheit, werden vielleicht ihr Meinungsbild über die Zeit geringfügig ändern. Und jene, die den Blödsinn verbreiten, werden sich andere Wege suchen, um ihre Meinung kund zu tun.

Fakt ist: Pandoras Box ist geöffnet. Das Internet hat jeder Bürgerin und jedem Bürger eine Stimme in der öffentlichen Diskussion gegeben. Diese Stimmen kann und darf man ihnen auch nicht wieder wegnehmen.

Dass die Postings immer radikaler, immer hetzerischer werden, dass der Hass auf eine Gruppe von Menschen – in diesem Fall die Flüchtlinge – geschürt wird, sollte uns nicht dazu bringen, eine Zensur einführen zu wollen. Es sollte uns zeigen, dass sich die Menschen trotz aller Bildung und Aufklärung seit 1938 nicht wesentlich verändert haben.

Zeige den Menschen, dass sie ungerecht behandelt werden. Mach ihnen Angst vor der Zukunft. Finde einen unkonkreten und trotzdem greifbaren Sündenbock. Und fertig ist die Vorspeise für das Menü „Die Reise in den totalitären Staat“.

Werden wir vielleicht in 50 Jahren als Zeitzeugen vor Schulklassen sitzen und erzählen, dass wir damals ja nicht ahnen konnten, wohin das alles führen würde?

Nachtrag: Das was ich sagen wollte, was mich bewogen hat, diesen Beitrag zu schreiben, steht hier. Viel besser, als ich es je sagen könnte. http://www.lavievagabonde.de/2016/02/21/wehret-den-anfängen-wir-sind-schon-mittendrin/

Die kleinen Strizzis

Wenn ich die Zeitung aufschlage – ganz egal welche -, wenn ich sie also aufschlage und lese, wer denn heute wieder von wem 100.000 Euro Beratungshonorar kassiert hat für drei lauwarme Kaffee, fünf paar Würstel und ein paar nicht näher definierte Leistungen, an die sich heute niemand mehr erinnern kann, dann macht mich das nicht wütend. Auch bin ich nicht traurig oder enttäuscht. Es fühlt sich nur einfach irgendwie taub an, vermischt mit ein wenig Ungläubigkeit. Und das ist es, was mich dann wütend macht.

Wir Österreicher haben seit jeher einen Hang zum Pragmatismus und der kleine Strizzi von nebenan gehört in unserer Gesellschaft genauso dazu, wie der Gemeindebau und der Schrebergarten mit tschechischem Gartenzwerg. Und irgendwie sind das ja lauter kleine Strizzis, die sich da das Geld in die eigene Tasche geschoben haben. Wie Kaugummiautomaten-Knacken, nur eben größer.

Ein Sumpf

Wer den Sumpf trocken legen will, darf nicht die Frösche fragen. Das gilt wohl auch für die Spitalsreform in Oberösterreich.

Nun steigen die Bürgerinnen und Bürger (oder Wutbürger, wie wir seit neuestem heißen) auf die Barrikaden.

Man solle sehr wohl die Frösche fragen, sagen sie, denn die seien ja wohl die Experten, wenn es darum gehe, welcher Teil des Sumpfes denn nun genau trocken gelegt werden sollte. Und die Frösche quaken laut, dass es in ihrem Sumpf wohl kein einziges Fleckchen gäbe, auf das man verzichten könne. Aber in den benachbarten Sümpfen, dort gäbe es schon Handlungsbedarf. Was die Frösche in den benachbarten Sümpfen naturgemäß ganz anders sehen.

Also hat man zu Beginn dieser Reform etwas relativ Schlaues gemacht. Man hat sich Frösche von ganz woanders geholt, damit die die Sumpfsituation objektiv beurteilen.

Und jetzt kommen wieder die Wutbürger ins Spiel. Denn kaum hatten die ortsfremden Frösche ihre Vorschläge präsentiert, brachten die Bürger den Einwand vor, dass es sich bei den auswärtigen Fröschen gar nicht um Frösche, sondern möglicherweise um Kröten handle. Und die könnten die Sumpfsituation doch nun wirklich nicht beurteilen

Was bleibt jetzt also über? Ganz einfach: Zur Zeit ist unsere Spitalslandschaft ein einziger Sumpf und Kröten spielen überhaupt keine Rolle.

Linzer Gemeinderat Live – Das Ende vom Anfang

Beim Budget-Gemeinderat im Dezember 2010 als große Neuerung gefeiert und jetzt bis Mai 2011 ausgesetzt: Die Live-Übertragung der Sitzungen des Linzer Gemeinderats per Videostream auf der Homepage. Schade eigentlich.

Die Homepage der Stadt Linz hält dazu lapidar fest:

Nach einer Evaluierungsphase bis Mitte 2011 wird der städtische Verfassungs-, Raumplanungs- und Baurechtsausschuss darüber beraten, ob und wenn ja, auf welche Art und Weise die Live-Übertragung von Gemeinderatssitzungen im Internet fortgesetzt wird. (http://www.linz.at/presse/politik_verwaltung_top_news_54675.asp)

Was, liebe Stadtverwaltung, was genau wollt ihr da bis Mitte 2011 evaluieren? Die Userzahlen während der Übertragung? Die habt ihr noch am gleichen Tag gehabt. Die Möglichkeit einer günstigeren Lösung? Dazu hattet ihr im Vorhinein genug Zeit. Welche Auswirkungen die Live-Übertragung auf die Meinung der Bürgerinnen und Bürger gegenüber der städtischen Politik gehabt hat? Ja, träumt ihr denn?

Seien wir ehrlich: Es ist einfach unbequem, wenn plötzlich ganz normale Menschen – auch die, die keine Zeit haben, sich in den Gemeinderatssaal zu setzen – das verfolgen können, was unsere Stadtpolitik da so treibt. Deshalb blicke ich dem sehr vagen Zeitpunkt „Mitte 2011“ mit Pessimismus entgegen. Aber zumindest war es ein Versuch.